Schickes Domizil für den Gerüstbauer-Nachwuchs
Artikel im Groß-Gerauer Echo vom 24.11.2025 von Harald Sapper
Direkt neben den Beruflichen Schulen Groß-Gerau ist jüngst das Schülergästehaus des Gerüstbaugewerbes eröffnet worden, das 124 Lehrlingen perfekte Rahmenbedingungen bietet.
Kreis Groß-Gerau. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das ist allgemein bekannt. Doch für Auszubildende der Gerüstbauer-Zunft werden sich zumindest die Rahmenbedingungen ihres theoretischen Unterrichts in naher Zukunft gewaltig verbessern – sofern sie die Beruflichen Schulen Groß-Gerau (BSGG) besuchen. Denn in direkter Nachbarschaft zu diesem Mega-Komplex an der Darmstädter Straße ist in der vorigen Woche das Schülergästehaus der Sozialkasse des Gerüstbaugewerbes („SoKa Gerüst“) offiziell eröffnet worden.
124 Betten in 55 Ein- bis Drei-Bett-Zimmern
Das zweistöckige Gebäude verfügt über 124 Betten in 55 Ein- bis Drei-Bett-Zimmern sowie Verwaltungs-, Funktions- und Freizeiträume – und kommt weitaus schicker daher als die bisherige Unterkunft der angehenden Gerüstbauer. Die werden bislang nämlich während ihres je zweiwöchigen Blockunterrichts an den BSGG in einem Hotel in Darmstadt untergebracht und vor und nach dem Unterricht mit dem Bus hin und her gefahren. „Das ist aber ebenso wenig das Gelbe vom Ei wie die Betreuung und Freizeitgestaltung in dem Hotel“, betont Dr. Stefan Häusele. Deshalb habe man lange nach einer passenden Alternative gesucht, sagt der Vorstand der „SoKa Gerüst“ im Gespräch mit dieser Redaktion.
Am Ende sei man mit dem Kreis Groß-Gerau handelseinig geworden, so Häusele, der sich nicht nur darüber freut, sondern auch dankbar ist, „dass uns der Kreis das Grundstück in Erbpacht und zu einem moderaten Pachtzins überlassen hat“. Dieser liege zwar unter dem marktüblichen Wert, entspreche aber der Größenordnung, die auch andere gemeinnützige Einrichtungen zahlen müssten.
Keine Zuschüsse von Bund oder Land
Im Übrigen müsse die „SoKa Gerüst“ als Bauherrin alle Kosten des Zehn-Millionen-Euro-Projekts allein stemmen. Denn obwohl das neue Schülergästehaus Gerüstbauern in spe aus Hessen, Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Teilen Thüringens das Azubi-Leben während der 13 Wochen im Jahr umfassenden Berufsschulperioden erleichtern wird, gibt es keine Zuschüsse vom Bund oder den Bundesländern.
Dies ist ebenso ungewöhnlich wie die Tatsache, dass ein Vorhaben dieser Größenordnung laut Häusele „im geplanten Kostenrahmen geblieben ist und es nach dem Baubeginn nur geringfügige Verzögerungen gegeben hat“. Wegen Letzter werden die ersten Azubis die geräumigen Schlafkojen im Schatten des Groß-Gerauer Wasserturms auch erst im Januar 2026 beziehen können. „Aufgrund von Lieferschwierigkeiten fehlen unter anderem noch Spiegel und Trennwände in den Duschen, und es müssen noch einige überschaubare Nacharbeiten erledigt werden“, berichtet Häusele.
Wenn die Lehrlinge dann ins Schülergästehaus einziehen, worauf sie sich seinen Angaben zufolge jetzt schon freuen, werden sie natürlich nicht sich selbst überlassen sein. „Wir haben den AVM, den Ausbildungsverbund für Rüsselheim und Groß-Gerau, als professionellen Betreiber gewinnen können, denn der kennt sich in der Jugendarbeit aus und sorgt zudem über das Ausbildungsrestaurant Mangold für eine gute Verpflegung unserer Azubis“, berichtet der „SoKa Gerüst“-Boss.
So wie Dr. Stefan Häusele und die Schüler freut sich auch Landrat Thomas Will (SPD) darüber, „dass nach etlichen Anläufen endlich eine zukunftsfähige Unterbringung für die Gerüstbau-Azubis in unserem Kreis realisiert werden konnte“. Und auch wenn diese künftig keine 100 Meter von der Unterkunft bis zur Schule zurücklegen müssen, überreichte Will bei der Übergabefeier eine Wanduhr als Geschenk – damit die Azubis auf jeden Fall rechtzeitig das Frühstück beenden und pünktlich zu Unterrichtsbeginn im Klassenzimmer erscheinen.
Groß-Geraus Bürgermeister Jörg Rüddenklau (SPD) zeigte sich bei dieser Gelegenheit ebenfalls stolz darüber, dass die Bundesfachklassen aus allen südwestlichen Bundesländern künftig in der Kreisstadt eine zukunftsfähige Beherbergung erhielten. Marcus Nachbauer vom Bundesverband Gerüstbau wiederum betonte, wie wichtig gute Rahmenbedingungen für die Gewinnung von Auszubildenden und für einen erfolgreichen Berufsabschluss seien. Ferner kritisierte er das Fehlen der öffentlichen Förderung für Unterbringungen seitens des Bundes bei über 250 Berufen, die in Bundesfachklassen unterrichtet werden.
Dieter Wasilewski von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt hob hingegen die Bedeutung der Sozialkasse hervor. Nur dank der Existenz dieser gemeinsamen Einrichtung der Tarifvertragsparteien, die mit einem von allen Gerüstbauunternehmen getragenen Umlagesystem finanziert wird, habe der Neubau realisiert werden können. Dieses in der Bauwirtschaft etablierte System wünschte er sich auch in anderen Wirtschaftsbereichen.